27.11.2025
Das Durchleitungsmodell im Datenraum: Branchendialog über Kosten und Nutzen

Den eigenen Stromtarif fürs E-Auto auch an der öffentlichen Ladesäule nutzen – das ist die Idee des Durchleitungsmodells. Im Rahmen des Use Case Energie erproben wir dieses Modell als Teil des zweiten Anwendungsfalls. Doch wie lässt sich das in der Praxis umsetzen? Und welche Rolle spielt dabei der Datenraum?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Workshops im Rahmen des Branchendialogs. Vertreterinnen und Vertreter aus der Energie- und Mobilitätsbranche diskutierten, welche Herausforderungen bestehen und welche Potenziale das Durchleitungsmodell in Verbindung mit dem Datenraum bietet.

Was ist das Durchleitungsmodell?

Das Durchleitungsmodell ist ein Konzept, bei dem der Ladetarif nicht an den Betreiber der Ladesäule, sondern an das jeweilige Fahrzeug gebunden ist. Der Strom wird über die Ladeinfrastruktur „durchgeleitet“ und somit eine Trennung zwischen dem Betreiber der Ladeinfrastruktur und dem Stromlieferanten eingeführt. Bei der Abrechnung des Ladevorgangs wird ein Infrastrukturentgelt an den Betreiber der Ladesäule gezahlt und die Energiekosten für das Laden werden separat an den Stromlieferanten entrichtet.

Die energiewirtschaftliche Abwicklung erfolgt mit Hilfe eines virtuellen Bilanzierungsgebietes. Dieses wird genutzt, um die geladenen Strommengen eindeutig zuordnen und mit dem jeweiligen Lieferanten transparent abrechnen zu können.

Welche Rolle spielt der Datenraum?

Im Rahmen unseres Projekts wurde das Durchleitungsmodell im Zusammenspiel mit einer Datenraumlösung erprobt. Ein Datenraum ermöglicht es den beteiligten Akteuren Daten effizient, souverän und vertrauensvoll auszutauschen – ohne zentrale Datenspeicherung. Über klar definierte Zugriffsrechte wird festgelegt, wer auf welche Daten zugreifen darf.

Der Datenraum bringt damit die Energiewirtschaft mit der E-Mobilitätsbranche zusammen und erleichtert die Kommunikation der beteiligten Akteure. Mithilfe des Datenraums können Schnittstellen zur Datenübertragung über die einzelnen Ladevorgänge zwischen den beteiligten Akteuren hergestellt werden (siehe Abbildung).

 

Datenraum im Energiesystem und seine per Konnektoren angebundene Partner

Abb. 1: Der Datenaustausch von morgen erfolgt nicht mehr bilateral zwischen den Akteuren, sondern über zentrale Schnittstellen – wie einem Datenraum; Quelle: dena.

Welche Chancen bietet das Durchleitungsmodell?

Mehr Wettbewerb, eine höhere Tariffreiheit und damit günstigere Ladepreise – das versprechen sich die Befürworter des Durchleitungsmodells. Statt wie bislang auf die vergleichsweise hohen Ladepreise für das spontane Ad hoc-Laden oder auf die Roaming-Tarife der verschiedenen Ladeinfrastrukturbetreiber angewiesen zu sein, wird mit dem Durchleitungsmodell eine weitere Tarifoption geboten: das Laden zum eigenen Stromtarif. Für die Kundinnen und Kunden bietet sich damit eine größere Wahlfreiheit sowie die Möglichkeit, zum Hausstromtarif an öffentlichen Ladesäulen laden zu können. Neben der geladenen Strommenge wird dafür ein Infrastrukturentgelt fällig, welches je nach Ladesäule unterschiedlich hoch ausfallen kann. Das Durchleitungsmodell verspricht somit mehr Wettbewerb unter den Ladeinfrastrukturbetreibern und eine höhere Auslastung der Ladepunkte.

Für die Unternehmen der Mobilitäts- und Energiewirtschaft eröffnen sich neue Geschäftsmodelle, etwa durch die eigene Strombeschaffung durch Mobilitätsdienstleister oder die Stärkung der Kundenbindung durch eigene Stromanbieter.

Für Flottenbetreiber bietet das Durchleitungsmodell die Chance, Nachweise über das Laden von Grünstrom in Echtzeit zu erhalten oder eigene Stromquellen (z.B. PV-Anlagen) bilanziell auch außerhalb der eigenen Ladepunkte zu nutzen.

Nicht zuletzt könnte das Durchleitungsmodell netzdienliches Ladeverhalten anregen, wenn dadurch verstärkt tagsüber, also zu Zeiten hoher Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, die E-Autobatterie aufgeladen wird und nicht erst bis zum Feierabend gewartet wird, um vom eigenen günstigeren Stromvertrag profitieren zu können.

Welche Herausforderungen bestehen, um das Durchleitungsmodell in die Praxis zu bringen?

Auch wenn für den Ausbau des Schnellladenetzes für E-Lkw an Autobahnen in Deutschland die praktische Anwendung des Durchleitungsmodells als Option vorgesehen ist, stehen einer flächendeckenden Umsetzung aktuell noch einige Herausforderungen im Wege. Die Diskussion im Rahmen des Branchendialogs hat gezeigt: Es geht weniger um regulatorische Fragen, sondern eher um operative Fragestellungen und die Umsetzung in die Praxis. Insbesondere mit den zahlreichen Verteilnetzbetreibern in Deutschland braucht es bisher eine Vielzahl an Abstimmungen und eigene Schnittstellendefinitionen, um ein virtuelles Bilanzierungsgebiet innerhalb ihres Netzgebiets aufbauen zu können.

Zudem werden auch an die entsprechenden Ladesäulen technische Anforderungen gestellt. So muss der Strombezug der Ladesäulen etwa über ein intelligentes Messsystem zur 15-Minuten Echtzeitmessung erfasst werden können. Nicht alle Ladesäulen sind demnach in der Lage, durchleitungsfähig zu sein. Dies hemmt nicht nur eine schnelle flächendeckende Umsetzung, sondern bringt für die Marktteilnehmer zusätzliche Kosten der noch ausstehenden Skalierung mit sich, wenn nicht in ausreichendem Maße durchleitungsfähige Ladesäulen verfügbar sind.

Die größte Herausforderung besteht aber wohl darin, geeignete Geschäftsmodelle für das Durchleitungsmodell zu entwickeln. Die Diskussion hat gezeigt, dass noch Skepsis in Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit und die Preisfestsetzung besteht. Auch ob das Versprechen günstiger Ladestrompreise eingehalten werden kann, ist angesichts der anfallenden Infrastrukturentgelte fraglich.

Für Knut Hechtfischer, CEO des Projektpartners und Durchleitungsdienstleisters decarbon1ze, liegt der Fokus bei der Umsetzung des Durchleitungsmodells wegen der Bedeutung für die Sektorenkopplung bisher vor allem beim Laden zu Hause bzw. im Depot und am Arbeitsplatz. Lange Standzeiten erlauben marktdienliches Laden, das mit dem Durchleitungsmodell besser angereizt werden kann. Für eine breite Anwendung in der öffentlichen Ladeinfrastruktur für E-Pkw sei es jedoch noch zu früh.

Fazit

Der Workshop hat gezeigt: Das Durchleitungsmodell bietet viele Chancen, ob es sich wirklich flächendeckend durchsetzt, ist aber noch offen. Im Rahmen des Projekts werden wir Fragestellungen hinsichtlich der Verbesserung der Datenflüsse weiter erproben und dazu beitragen, die Energiewirtschaft und die E-Mobilitätsbranche zusammenzubringen und die Kommunikation zwischen den Akteuren zu erleichtern. In diesem Zusammenhang wird auch an der Entwicklung von einheitlichen Schnittstellen weitergearbeitet, um die Datenübertragung und damit die Kommunikation der verschiedenen Marktakteure zu erleichtern. Um das Durchleitungsmodell in die praktische Anwendung zu bringen, braucht es den kontinuierlichen Austausch der Perspektiven der involvierten Stakeholder, auch über das Ende des Use Case Energie hinaus.